Bahnung

Bahnung im entwicklungkinesiologischen Verständnis

Um die Aufgaben und Erfordernisse eines neurophysiologischen Bahnungssystem als Behandlungsmethode in der Krankengymnastik weiter zu verdeutlichen, wird im folgenden der Begriff der Bahnung näher erläutert.

“Bahnung ist die qualitative Veränderung und Automatisation differenzierter Bewegungsabläufe durch gezieltes Einsetzen spezifischer Reize mit dem Ziel ideale ökonomische Bewegungsabläufe zu erreichen” (HOFFMANN o.A.d.J., 67).

Bahnung stellt die Einflußnahme auf das Zentralnervensystem durch jegliche Form der Afferenz (Reizsetzung) dar. Darauf folgt eine Reaktion in einem reizspezifischen Gestaltungsmuster. Hierbei spielen kinästhetische, exterozeptive, interozeptive, telerezeptorische, olfaktorische, gustatorische und vestibuläre Reizsetzungen eine entscheidene Rolle. Die Verarbeitung der polysynaptischen Afferenzen erfolgt unter Mithilfe cortikaler und subcortikaler Zentren des Zentralnervensystems. Das entstehende Reaktionsmuster steht in Abhängigkeit von den individuellen perzeptorischen, motorischen, psycho-emotionalen, psychosozialen Gegebenheiten sowie der individuellen persönlichen Entwicklung und Erfahrung des Einzelnen.

Die Umsetzung von Wahrnehmung in Bewegung, die Kontrolle und der Vergleich des Wahrgenommenen mit gespeicherten Erfahrungen und der daraus entstehende motorische Handlungsvollzug verläuft in kybernetischen Regelkreisen. Die Voraussetzung für den willkürlichen Bewegungsablauf ist der Handlungsantrieb, der aufgrund innerer Motivation der äußerer Sinneseindrücke entsteht (THEWS 1991).

Der kybernetische Regelkreis gliedert sich vereinfacht dargestellt in:

  • die Aufnahme der Afferenzen aus der Umwelt (Input)
  • die cerebrale Verarbeitung des Wahrgenommenen, Vergleich mit gespeicherten Erfahrungen, Erstellung eines neuen Handlungsplanes
  • die motorische Reaktion auf das Wahrgenommene (Efferenz/Output)
  • die Eigenkontrolle der Handlung über kinästhetische Wahrnehmung oder andere Wahrnehmungssysteme und die Möglichkeit der Nachsteuerung - Bewegungsänderung (Feedbacksystem)
  • umweltspezifische Reaktionen auf die Handlung und Anpassung bzw. Abwandlung der Handlungsmuster (Reafferenz) (MEINEL 1977).

Die Propriozeption stellt einen ständigen Fluß an Informationen über die posturale Lage (Haltung) und über die Bewegungen (Spannungsveränderungen) im muskuloskelettalen System dar. Bei neurophysiologischen Behandlungsmethoden steht besonders die normale Körperhaltung im Vordergrund der Therapie. Sie bildet die Grundlage für normale und  ökonomische Bewegung. Schon SHERRINGTHON (1908) stellte fest, daß Bewegung die Summation von Haltung ist. Haltung ist die Stellung des gesamten Körpers im Raum und die Stellung der Körperteile zueinander. Die Körperhaltung entsteht über die passiven Strukturen des Skelett- und Bewegungsapparates sowie über die ständige unwillkürliche Kontraktion der Skelettmuskulatur. Diese reflektorische Muskelspannung ist u.a. eine aktive Leistung des ZNS, mit der Funktion, der Schwerkraft entgegenzuwirken, die Körperlage zu steuern und zu sichern und das Gleichgewicht zu halten (THEWS 1991, ANSARI 1985). Vojta definiert die automatische Steuerung der Körperhaltung im Raum als “posturale Reaktibilität” (VOJTA 1988, 14).

Schon in der Neugeborenenphase hat das Gehirn die Fähigkeit, die eigene Körperlage automatisch zu steuern. Es handelt sich um einen aktiven Vorgang und nicht um eine Reflexschablone. Die posturale Reaktibilität wird von einer dem Hirnstamm übergeordneten Ebene gesteuert. Die Steuerung der tonischen Reflexe findet in einer untergeordneten Ebene der posturalen Reaktibiliät statt. Das qualitative Niveau der posturalen Reaktibiliät spiegelt den Reifungsprozeß des ZNS wider und gibt Auskunft über eine normale motorische Entwicklung. Desweiteren ist die automatische Steuerung der Körperhaltung von einer Vielzahl afferenter Informationen abhängig. Diese Pluralität an Afferenzen bietet E.-Technik als neurophysiologische Therapiemethode.

Eine zentrale Bewegungsstörung verändert die Körperhaltung, wobei die Reflexe zur Körperkontrolle eine bedeutende Rolle spielen.

Reflexe werden durch propriozeptive und/oder nozizeptive Reize unterschiedlicher Qualitäten, wie mechanisch, chemisch, thermisch etc. ausgelöst. Diese Reize können aus unterschiedlichen Strukturen, wie Periost, Arthron, Bänder, Muskulatur und auch von Haut und Viscera stammen. Ein Teil dieser reflektorischen Systeme sind für die “sinnesphysiologische” Funktion der Gelenke und die posturale Koordination zuständig (GUTMANN 1984, 15). Die Gelenke haben demnach eine große Bedeutung für die stereognostische Orientierung des stehenden Menschen im Raum. So lösen z.B. die Gelenkkapselrezeptoren schon bei geringsten Haltungsänderungen korrigierende Reflexe aus. Die Koordination des aufrecht stehenden Menschen wird weit mehr von diesen Afferenzen als von denen der Muskeln und Sehnen bestimmt, die erst bei weitaus größeren Winkelveränderungen ansprechen (GUTMANN 1984).

Das zentrale Reflexsystem wird durch die tonischen Nackenreflexe (z.B. Symmetrisch-Tonischer-Nackenreflex - STNR) ergänzt. Die tonischen Nackenreflexe, hier im Sinne der zentral gesteuerten Kopfposition für die Positionierung von Rumpf und Extremitäten, werden nur zur Vervollständigung des Reflexkomplexes des ZNS erwähnt.

Im Rückenmark werden die motorischen Anforderungen des arthromuskulären Systems mittels Muskelspindelreflexen und Sehnenrezeptorreflexen angepaßt.

Der Eigenreflex oder propriozeptiver Reflex, der zu den monosynaptischen motorischen Reflexen zählt, ist “eine elementare Voraussetzung für jede Form von Haltung und Bewegung” (SONNTAG 1985, 845). Wird an einem Muskelansatz permanent oder kurz gezogen, werden längenempfindliche Rezeptoren im Muskel gereizt. Diese in den Muskelspindeln liegenden Rezeptoren senden erregende Impulse, die über die afferente Bahn (Ia-Faser) durch die hintere Wurzel in das Rückenmark weitergeleitet werden. An den motorischen Vorderhornzellen (-Motoneurone) erfolgt die Umschaltung auf die efferente Bahn, die wiederum über ihre Axone und motorischen Endplatten den Muskel innervieren, in dem die Afferenzen der Muskelspindeln selber liegen. So entsteht auf den Reiz der Muskeldehnung hin eine kontraktile Verkürzung des Muskels (Einzelzuckung). Auf diese Weise reguliert sich der Muskeltonus für die Stabilisation der Gelenke selbständig, der zur aufrechten Haltung und zum aufrechten Gang wesentlich beiträgt (THEWS 1991, SONNTAG 1985).

Bei den polysynaptischen motorischen Reflexen oder Fremdreflexen erreichen erregende Afferenzen ihre Zielmotoneurone über mehr als eine Synapse. Hier erfolgt die Umschaltung zunächst auf ein Interneuron, von dem aus nach synaptischer Umschaltung die -Motoneurone der Effektormuskulatur innerviert werden. Die Interneurone verbinden nicht nur die afferente und efferente Bahn eines Segmentes, sondern nehmen auch Verbindung zu den -Motoneuronen benachbarter Segmente auf. Bei verstärkter Reizintensität können daher weitere Muskelgruppen im gleichen oder benachbarter Segmente aktiviert werden, die an einer Gelenkbewegung beteiligt sind.

Die Interneurone im Rückenmark sind als Verbundsystem der spinalen Schaltstelle das wesentliche Bindeglied in der Regulation der Sensorik. Die Interneurone sind die Schnittstellen zwischen Reflexen und willkürlich intendierten Bewegungen. Die Efferenzen vom ZNS wirken normalerweise “in ihrer Summe inhibitierend auf die spinalen Neurone und Interneurone” (KARCH 1993, 1213). Bei zentralen Störungen werden die Signale aus der Körperperipherie im wesentlichen unverändert zu den Interneuronen weitergeleitet. Dadurch kommt es zu einer ungebremsten, ungefilterten sowie einer gestörten Verarbeitung afferenter Signale aus der Peripherie und den noch intakten supraspinalen motorischen Bahnen zu den -Motoneuronen (PAPE 1989). Dementsprechend entsteht ein veränderter Muskeltonus, der eine veränderte Haltung und Bewegung impliziert. “Damit werden zentrale Fehlsteuerungen der Bewegung Ausgangspunkt von Muskelverkürzungen, Beweglichkeitseinschränkungen und konsekutiven Bewegungsstörungen. Leistungsverlust, Verletzung und Überlastungsschäden sind die Folge.” (SOMMER 1988, 14).

Das Ziel krankengymnastischer Therapie auf neurophysiologischer Grundlage ist demnach, die ausgelösten Bewegungsmuster und Muskelsynergien zur Aufrichtung des Körpers und zur Haltungskontrolle im ZNS zu speichern, so daß sie in willkürliche und gezielte Bewegungsabläufe integriert werden können (KARCH 1993).

Dementsprechend erfolgt Bahnung im entwicklungskinesiologischen Grundverständnis unter Ausschluß der Willkürmotorik, über vorgebene Ausgangsstellungen und damit verbunden über definierte Auflageflächen des Körpers. Zudem werden von extern sogenannte Aktionsverstärker an Rumpf und Extremitäten eingesetzt, die z.B. über einen direkten/indirekten Muskelstretch und/oder einem Periostreiz die Propriozeption über die physiologischen afferenten Bahnen zum ZNS verstärken (PAPE 1989).

So löst z.B. der externe Reiz am Thorax im Drehmuster das Umdrehen in den Fällen aus, “in denen zwar die zur motorischen Ausführung notwendigen muskulären Muster ausgebildet sind, aber die spontane, von innen heraus kommende Auslösung nicht erfolgt. Unter Zuhilfenahme dieses externen Stimulus schaltet das Zentralnervensystem von einem motorischen Programm zu einem anderen.” (SONNTAG 1985, 853).

Durch geeignete zeitliche (lange Haltedauer der Muskelaktivität im Muster) und räumliche (Kombination der Reize von verschiedenen Reizpunkten) Summation in definierten Ausgangstellungen wird der Zugang zu genetischen, subcorticalen Grundmustern möglich. Diese angeborenen Grundmuster laufen stereotyp und reaktiv ab. Sie sind beim Säugling im spontanen Bewegungsablauf oder nach Stimulation zu sehen, nicht aber als unauflösbare Schablonen zu verstehen. Es ist bekannt, daß der Muskeltonus, die Körperhaltung und der Bewegungsablauf auf Hirnstammebene gesteuert wird. Zahlreiche tierexperimentelle Versuche belegen, daß sich ein Mittelhirntier von seinen reaktiven Bewegungen kaum von einem intakten Tier unterscheidet. Bei Erwachsenen zeigte sich, daß bei gezielten Manipulationen spezielle Bewegungsabläufe ausgelöst werden konnten, welche im Alltag willkürlich nicht zu erreichen waren. “Dementsprechend mußten diese Bewegungsabläufe auf angeborenen Bewegungsmustern beruhen, welche auf Hirnstamm-Mittelhirnebene generiert werden.” (KARCH 1993, 1215). Durch die Aktivierung geeigneter Muskelketten auf der Basis reflexgesteuerter Haltungs,- Gleichgewichts- und Aufrichtungsmechanismen (Dreh- und Kriechmuster) wird das Ziel verfolgt, fehlgesteuerte unökonomische Bewegungsmuster in Richtung “zweckmäßiger Notwendigkeit” umzuorganisieren.

Dabei wird die Plastzität des Gehirns, d.h. die Fähigkeit des ZNS sich wechselnden inneren und äußeren Bedingungen in einem Lernprozeß anzupassen, ausgenutzt. Es wird ein Zustand aktueller Bereitschaft geschaffen, der geprägt ist durch die Registrierung aller sensorischen Informationen, das Vergleichen mit bereits gespeicherten Bewegungsmustern und das Erstellen von Handlungskonzepten bezogen auf den zweckmäßigen Zustand. Bedingt durch seine große Plastizität ist das ZNS in der Lage bei Bedarf synaptische Efferenzen zu verändern, neue synaptische Verbindungen zu erstellen, latente Synapsen zu wecken (VOJTA 1988).